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Geburtsgel

Definition

Geburtsgele sind Polymer-basierte Gele, welche zur Erleichterung der vaginalen Geburt in der Veterinärmedizin und der Humanmedizin verwendet werden. Geburtsgele werden während der gesamten Geburtsdauer angewendet. Als natürliches Geburtsgel kann Wasser aufgefasst werden, welches jedoch nicht spezifische Gleiteigenschaften aufweist.

  

Anwendungsarten der Geburtserleichterung in der Humanmedizin:

 

Die Gelgeburt:

Die Anwendung von speziellen Geburtsgelen während der gesamten Geburtsdauer (Eröffnungsphase und Austreibungsphase) reduzieren signifikant die Geburtsdauer um 30 % (bis zu 120 Minuten) und reduzieren signifikant Dammverletzungen.

 

Die Wassergeburt:

Die Geburt im Wasser führt zu einer Beckenbodenentspannung und einer leichten Reduktion der Reibungskräfte durch Wasser. Hierbei wirkt Wasser als leichtes Gleitgel.

 

Die Dammassage:

Kurz vor der Geburt des Kindes:

Die Anwendung von Oelen und Gelen zur Befeuchtung und Massage des Dammes soll den Damm schonen.

In den Tagen vor der Geburt:

Das Weichmassieren des Dammes vor der Geburt soll den Damm schonen.

 

Indikationen für die Verwendung von Geburtsgelen:

Veterinärmedizin:    

- Erleichterung der Geburt bei Nutz- und Gebrauchstieren

- Gleitfähigkeitserhöhung der weichen Geburtswege (0,3 bis 1 Liter)

- Fruchtwasserersatz (10 bis 30 Liter)

                                                                       

Humanmedizin:       

- Erleichterung der Vaginalgeburt (Land- und Wassergeburt)

- Behandlung des protrahierten Geburtsverlaufes

- Erleichterung von vaginal operativen Eingriffen

- Dammschutz bei Vaginalgeburten

- Erleichterung der manuellen Plazentalösung

 

Wirkungsweise:

Bei der Vaginalgeburt treten statische und dynamische Reibungskräfte zwischen den mütterlichen Geburtswegen und dem Kind auf, welche massgeblich die Vaginalgeburt erschweren. Durch die Reduktion des Reibungskoeffizienten mittels eines Gels wird diese statische und dynamische Reibung signifikant reduziert.

Geburtsgele reduzieren die Reibungskräfte zwischen dem Kind und den mütterlichen Geburtswegen. Diese Reibungskräfte sind die wesentlichen geburtshindernden Kräfte und durch die Reduktion derselben wird die Geburt physikalisch erleichtert. Geburtsgele bilden hierzu einen gleitfähigen bioadhäsiven Film auf dem vaginalen Geburtskanal und reduzieren so die geburtshindernden Reibungskräfte. Durch die Reduktion der statischen und dynamischen Reibungskräfte während der Geburt erleichtern Geburtsgele die Geburt, Verkürzen die Eröffnungs- und Austreibungsperiode, schützten den Beckenboden und reduzieren Verletzungen der mütterlichen Geburtswege wie Dammrisse oder Vaginalrisse.

 

Spezielle Anforderungen an Geburtsgele in der Humanmedizin:

Aufgrund des Einsatzes dieser Polymeren Gele sind spezielle Eigenschaften in Bezug auf Produktsicherheit und Anwendungssicherheit gefordert. Geburtsgele müssen folgende Eigenschaften aufweisen:

Sterilität, Hypoallergenität, Elekrtische Leitfähgikeit, Isotonie, latex – und konservierungsmittelfreiheit, Schleimhautverträglichkeit, Augenverträglichkeit, hohe Bioadhäsivität und hohe Viskosität

 

Dosierung und Anwendung von Geburtsgelen:

Geburtsgele werden nur zur lokalen Anwendung im vaginalen Geburtskanal verwendet.

Die Anwendung sollte nur durch geburtshilfliches Fachpersonal erfolgen.

Geburtsgele werden anlässlich der vaginalen Untersuchung unter der Geburt beginnend mit der ersten vaginalen Untersuchung angewendet. Es werden jeweils 3-5 ml Gel pro Vaginaluntersuchung mittels sterilem Handschuh in den vaginalen Geburtskanal eingeführt und dort sorgfältig verteilt. Zur verbesserten Anwendung kann auch ein flexibler vaginaler Applikator verwendet werden: hierbei wird ein 2-3 ml Gel Depot vor den vorangehenden Teil appliziert. Zur Erzielung eines optimalen Gleitfilms sollte darauf geachtet werden, dass bei der Gel Applikation genügend Flüssigkeit zugeführt wird. Als Flüssigkeiten können die üblich verwendeten Lösungen wie NaCL oder aseptische Lösungen verwendet werden. 15-30 Min. nach Blasensprung sollte zusätzlich Gel appliziert werden.

Geburtsgele sollte daher während der gesamten Geburtsdauer angewendet werden. Für die Eröffnungs- und die Austreibungsphase werden jeweils spezielle Geburtsgele eingesetzt. Die empfohlene Dosis liegt im Mittel zwischen 10 und 30 ml Geburtsgel pro Geburt.

 

Vorsichtsmassnahmen bei der Verwendung von Geburtsgelen:

Nach der Entwicklung des kindlichen Kopfes sollte die Augen-Nasen-Gesichtsregion des Neugeborenen mit einem trockenen Tuch abgewischt werden. Gegebenfalls sollte auch ein oberflächliches Absaugen der Mund/Nasen Region erfolgen. Es ist empfehlenswert bei der Entwicklung des Kindes ein trockenes Tuch zu verwenden, um ein Entgleiten des Neugeborenen zu verhindern.

 

Geschichte der Geburtsgele in der Veterinär und Humangeburtshilfe

Die erstmalige Verwendung von Geburtsgel (Olivenöl) wird von Chiron im 4. Jahrhundert vor Christus für die Veterinärmedizin erwähnt. In der Folge wird Olivenöl für die Erleichterung der Tiergeburt eingesetzt. Im 1. Jahrhundert nach Christus beschreibt der römische Geburtshelfer Soranus von Ephesus im ersten wissenschaftlichen Werk über die Gynäkologie und Geburtshilfe erstmalig die Verwendung von Olivenöl zur Geburtserleichterung beim Menschen (Soranus Gynecology; ISBN 0801843200). In den folgenden Jahrhunderten werden verschiedene „Gleitmittel“  wie pflanzliche Oele, Wasser, Seife, Mineralöle, Schweinefette in der Veterinärmedizin eingesetzt. Ab dem 20. Jahrhundert wurden in der Veterinärmedizin diese potentiell gefährlichen Gleitmittel durch Cellulose Polymere ersetzt, da diese in Bezug auf allergische Reaktionen, Fremdkörperreaktionen oder Infektionen den traditionellen Gleitmitteln überlegen sind. Im 20 Jahrhundert wurde die Verwendung von Geburtsgelen in der Veterinärmedizin zum Goldstandard.

In der Humanmedizin wurde die Verwendung von Geburtsgelen auch aufgrund religöser Einflüsse und des Nebenwirkungspotential wie Infektionen, allergische Reaktionen oder Fremdkörperreaktionen nach Soranus aufgegeben. Im 20. Jahrhundert wurde in Japan die Methode der Geburtserleichterung durch Geburtsgele erneut lanziert, scheiterte jedoch an der unzulänglichen Zusammensetzung der damals vorgeschlagenen Geburtsgel Formulierung (AQUEOUS LUBRICATING COMPOSITIONS AND PROCESS FOR THE PREPARATION THEREOF. US patent 1974, US3814797, Priority Number: JP19710045874 19710624). Erst im 21. Jahrhundert konnte durch die Fortschritte in der Polymeren Technologie die Methode der Geburtserleichterung durch Geburtsgele auch in die Humanmedizin eingeführt werden (Composition for easing human childbirth. European Patent EP1719502, Priority Number: CH20020000121 20020122). Das erste Geburtsgel zur Erleichterung der Humangeburt wurde 2007 als Medizinalprodukt europaweit zugelassen. Die Effektivität der Anwendung von Geburtsgel in der Humangeburtshilfe konnte erstmalig in einer randomisierten kontrollierten Studie bei Erstgebärenden gezeigt werden (Schaub et al., Journal of Perinatal Medicine 2008). Die kommerzielle Einführung von Geburtsgelen in der Humanmedizin wurde Ende 2007 in der Schweiz und Deutschland lanciert und ist bisher noch nicht ein etablierter Standard.

 

Uebersicht Meilensteine der letzten 50 Jahren in der Geburtshilfe:

Frühe Sechziger: Die Einführung der Fetalblutanalyse (Prof. Saling)

Späte Sechziger: Einführung des Syntocinon, Einführung der Wehenhemmung (Tokolyse),

1967: Einführung Erstes Ultraschallgerät Vidoson von Siemens

Frühe Siebziger: Einführung CTG (Kardiotokogramm, kindliche Herzfrequenz-Wehen-Schreibung)

Siebziger Jahre: Einführung der Lungenreifungsinduktion

Frühe Achtziger Jahre: Einführung der Peridural Anästhesie zur Geburt und Kaiserschnitt

1980: Einführung der Doppler Untersuchung (Messung der Blutströmungsgeschwindigkeiten des Kindes)

Frühe Neunziger Jahre: Genetische Pränataldiagnostik

Neunzigerjahre: Nackenfaltenmessung mit Ultraschall

2008: Einführung von Geburtsgelen zur Geburtserleichterung in die Human Geburtshilfe

 

 

Press release UK

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Lunch Symposium 24. Deutscher Kongress Perinatale Medizin

2009, ICC Berlin, Vorsitz Prof. St. Schmidt mehr

Workshop Geburtsgel, Vorsitz Prof. E. Saling, Berlin

13. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pränatal-und Geburtsmedizin, Bonn, 2008

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